Verhalten

Der Tag greift zur Knochenflöte
und spielt in fahlen Tönen
den Abgesang auf das Jahr.
Wie sanfte Geschosse fallen
die Blätter zu Boden und schlagen
dabei den trockenen Bass.
Auch wir Menschen, die wir uns
schon von Geburt an häuten,
vernehmen die Weise, wie
alles mit allem zusammenhängt
und trauen uns einen
dämmrigen Moment lang
mitzuklingen,
bevor wir wieder ins Zimmer
der geborgten Andersheit
zurückdrängen.

Hin

Immer ein Wundern über
das Vorwärtspeitschende
der Welt. Bereits eine Amöbe
ist ambitioniert –
und erst der Mensch.
Schneide das Wollen
aus ihm heraus
und du hältst
ein totes Geheimnis
in der Hand.
Ziele, nichts als Ziele
werden wie Hostien
in unsere Münder gelegt.

Kein Quartett

Wie ein Bulimiker frisst ein Mähdrescher
den Kukuruz und speit am Ende sein Gelbes aus.

Mit grauroten Pinselohren tanzt ein Eichhörnchen über
die gräserne Leinwand und malt sein Paradies mit Nüssen.

Ein Stockenten-Erpel hat sich gemausert und poliert
mit heftigen Flügelschlägen seinen Hormonspiegel.

Und der nämliche Mensch hier weiß nicht, ob er
die Landschaft begeht oder die Landschaft ihn.

Natura naturans

Chronos und Kairos sind
heute einander spinnefeind,
in ihren altgriechischen Augen
steht dumpfe Vergeltung.
Mein zentralnervöser Schritt-
macher klemmt bei der Einstellung
Durchkommen fest, und also
rattere ich durch den Tag
wie ein plankenblanker Panzer.
Unter mir knacken die Farben,
die einfach nicht aus dem Weg
gehen wollen: ein Braun, ein Grau,
ein schweres Grün – ihre Innereien
spritzen aufs Periskop, drop.
Und jetzt springt die Luke auf,
aus der etwas Benommenes kriecht,
zu Boden geht und seine Knollennase
in den aufgerissenen Lehm steckt.

Summen

An der Zone zur Nacht ist
ein fadenscheiniger Pass zu zeigen,
der in den frühen Morgenstunden
zu wirren Träumen zerfallen wird.
Noch taumelt eine Graue Fleischfliege
im Stakkato gegen den Plafond – nie war
unser Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Wollen
aussichtsloser. Ich stelle ihr mit
einem Plastikbecher nach und schüttle,
schüttle sie ins Freie. Welch haarige Hand.
Eier, Tönnchenpuppen, neue Fliegen,
Gedanken, Gedichte, neue Zweifel:
Der Text des Lebens schreibt sich
mählich entzifferbar fort. Bis dorthinaus.

De profundis

Geologische Studien durch
Sohle und Abtastfinger,
beglaubigte Osmose zwischen
Mensch und Mineral,
en passant ein High five
mit dem Harz einer Kiefer.
Auch: moosbedeckte Not,
die ein Erdzeitalter zurückreicht,
ein heftig klöppelndes Elsternpaar,
das Ornitholinguisten heranzüchtet
und wieder, wieder die Findlinge,
deren Haut im Alter glatter wird.
Aus der tiefsten Tiefe lugt
vergnügt ein Sinn empor.