Verhalten

Der Tag greift zur Knochenflöte
und spielt in fahlen Tönen
den Abgesang auf das Jahr.
Wie sanfte Geschosse fallen
die Blätter zu Boden und schlagen
dabei den trockenen Bass.
Auch wir Menschen, die wir uns
schon von Geburt an häuten,
vernehmen die Weise, wie
alles mit allem zusammenhängt
und trauen uns einen
dämmrigen Moment lang
mitzuklingen,
bevor wir wieder ins Zimmer
der geborgten Andersheit
zurückdrängen.

Hin

Immer ein Wundern über
das Vorwärtspeitschende
der Welt. Bereits eine Amöbe
ist ambitioniert –
und erst der Mensch.
Schneide das Wollen
aus ihm heraus
und du hältst
ein totes Geheimnis
in der Hand.
Ziele, nichts als Ziele
werden wie Hostien
in unsere Münder gelegt.

Kein Quartett

Wie ein Bulimiker frisst ein Mähdrescher
den Kukuruz und speit am Ende sein Gelbes aus.

Mit grauroten Pinselohren tanzt ein Eichhörnchen über
die gräserne Leinwand und malt sein Paradies mit Nüssen.

Ein Stockenten-Erpel hat sich gemausert und poliert
mit heftigen Flügelschlägen seinen Hormonspiegel.

Und der nämliche Mensch hier weiß nicht, ob er
die Landschaft begeht oder die Landschaft ihn.

Granitschädel

Erneuter Streifzug
längs der Rohrleitung.
Auf schmalem Weg prescht
im Benzinsuff ein SUV daher:
Freitagnachmittagsschießen
im alten Steinbruch, wo
milzschnittige Jägersleute
auf Tontauben gehen.
Schultern frösteln,
Büchsen knicksen,
Archaisches dräut.
Schnell weiter – bevor
mein Geballere im Kopf losgeht.
Im Wald hinter der Abbruchkante
macht ein Vogel sein Vetorecht
gegen die Schüsse geltend, und
manchmal regnet ein versprengtes
Schrottkügelchen durch
das greise Blätterdach.
Obs wohl mein Häutchen ritzte,
wenns mich treffen täte?
In einer Groteske wird
die Angst niemals besetzt.

Ganz und gar nicht

Ein Insekten-Jesus geht
übers Wasser. Aus seinen Tritten
entspringen konzentrische Kreise,
die sich wie zitternde Heiligenscheine
auf der Oberfläche ausbreiten.
Zehn Meter weiter drüben verläuft
eine Pipeline, die hier im Mühl-
viertel kein Rohöl transportiert,
nur turbinengerecht gebändigtes H2O.
Dazwischen ein Schotterweg,
auf dem meine Sinne zu Greifern
werden, die Dinge zu einen.
Vergeblich – ein Bruchstück
erkennt das andere.

Natura naturans

Chronos und Kairos sind
heute einander spinnefeind,
in ihren altgriechischen Augen
steht dumpfe Vergeltung.
Mein zentralnervöser Schritt-
macher klemmt bei der Einstellung
Durchkommen fest, und also
rattere ich durch den Tag
wie ein plankenblanker Panzer.
Unter mir knacken die Farben,
die einfach nicht aus dem Weg
gehen wollen: ein Braun, ein Grau,
ein schweres Grün – ihre Innereien
spritzen aufs Periskop, drop.
Und jetzt springt die Luke auf,
aus der etwas Benommenes kriecht,
zu Boden geht und seine Knollennase
in den aufgerissenen Lehm steckt.

Summen

An der Zone zur Nacht ist
ein fadenscheiniger Pass zu zeigen,
der in den frühen Morgenstunden
zu wirren Träumen zerfallen wird.
Noch taumelt eine Graue Fleischfliege
im Stakkato gegen den Plafond – nie war
unser Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Wollen
aussichtsloser. Ich stelle ihr mit
einem Plastikbecher nach und schüttle,
schüttle sie ins Freie. Welch haarige Hand.
Eier, Tönnchenpuppen, neue Fliegen,
Gedanken, Gedichte, neue Zweifel:
Der Text des Lebens schreibt sich
mählich entzifferbar fort. Bis dorthinaus.