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Weil sie es uns wert sind

1956 brachte Gerhard Bronner ein Lied heraus, das von Helmut Qualtinger genial interpretiert wurde: „Da Wüde auf seiner Maschin“. Der Held dieses Chansons ist nach einem Kinofilm – in dem Marlon Brando als „The Wild One“ auf einem Motorrad die Gegend unsicher gemacht hat – so vom Hollywood-Idol begeistert, dass er sich ebenfalls einen „Hobel“ zulegt. Mit dieser Daimler-Puch lässt er’s dann in Wien und Umgebung krachen und bekennt freimütig: „I hob zwoar ka Auhnung wo i hinfoahr/Owa dafir bin i gschwinder duat!“ Ein bezeichnender Satz.
Uns Menschen des 21. Jahrhunderts geht es doch ähnlich: Wir sitzen allesamt auf heißen Stühlen und rasen mit ständig zunehmender Geschwindigkeit in eine Zukunft, die weniger denn je auszumachen und gesichert ist. Hauptsache Bewegung, Hauptsache vorwärts und „neben uns die Sintflut“, wie ein aktueller Buchtitel von Stephan Lessenich feststellt. Aber wohin wollen wir? Wie ist ein gutes Leben für alle möglich? Und was ist mit den Zurückgebliebenen? Schwer zu beantwortende Fragen, aber nichtsdestoweniger dringliche.
Angelegenheiten der grundsätzlichen menschlichen Orientierung werden in der Wissenschaft unter dem Stichwort „Werte“ verhandelt. Der Deutsche Heinz Abels definiert sie so: „Im soziologischen Sinne kann man unter [ihnen] die bewussten oder unbewussten Vorstellungen der Mitglieder einer Gesellschaft verstehen, was man erstreben und wie man handeln soll“. Werte sind Leitkategorien unseres Denkens und Tuns, die historisch geworden, also nicht vom Himmel gefallen sind. Wir müssen uns daher als Gesellschaft, Institution oder einzelne immer wieder darüber Rechenschaft ablegen, welche dieser Werte nun für uns bindend sind und wie wir mit ihrer zunehmenden Pluralisierung umgehen. Nur über diese ständig zu leistende Auseinandersetzung können wir bewusste Richtungsentscheidungen treffen, die nicht auf Kosten anderer gehen.
Das Rote Kreuz als weltweit agierende Organisation ist eine Wertegemeinschaft. Es gibt auf die großen humanitären Herausforderungen der Gegenwart folgende praktische Antwort: „Das Leben von Menschen in Not und sozial Schwachen durch die Kraft der Menschlichkeit verbessern.“ Mit diesem Mission Statement stellen wir uns an die Seite derer, die – aus welchen Gründen auch immer – unter die Räder des Fortschritts geraten sind. Wir versuchen, ihnen in einfühlsamer und professioneller Weise so gut wie möglich dabei zu helfen, wieder auf die Beine zu kommen. Das gilt auf internationaler Ebene genauso wie in unserem Rotkreuz-Bezirk Perg, in dem Ihr, liebe Kolleginnen und Kollegen, tätig seid. Wenn ich Euch nach Eurer Motivation frage, und das tue ich immer wieder, bekomme ich Sätze wie diese zu hören: „Ich kann einfach nicht anders!“ „Es ist mir ein Herzensanliegen!“ Oder: „Die Menschen, für die ich in meiner Sparte arbeite, sind mir sehr wichtig!“ Damit zeigt Ihr, dass Ihr den Wert, der im Mission Statement normativ ausformuliert ist, ergriffen habt, nein: dass er euch ergriffen hat; und dass auf die innere Bewegung die äußere in Form Eures Engagements gefolgt ist.
Die überarbeiteten „Visionen“, die dieser Ausgabe beiliegen, haben ebenfalls die Freisetzung von positiven Kräften im Sinn. Als Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung unseres Bezirksausschusses mit dem Wertegefüge des Roten Kreuzes buchstabieren sie unsere sieben Grundsätze (unsere zentralen Werte) „Neutralität“, „Unparteilichkeit“, „Menschlichkeit“, „Unabhängigkeit“, „Freiwilligkeit“, „Einheit“ und „Universalität“ in konkrete Handlungsanleitungen aus, die uns Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Orientierung und Verpflichtung zugleich sein sollen. Durch dieses Hilfsmittel „sehen“ wir in einer ziemlich unübersichtlichen Welt eines ganz deutlich: das Antlitz derer, die unsere Hilfe brauchen.

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Meine ständige Kolumne im Extrablatt, dem Rotkreuz-Mitarbeitermagazin des Bezirkes Perg, hier: Nr. 1 (2018), 18.