Perg bewegt … sich im Auto!

Szenario 1: Es ist ein feuchter Jännervormittag. Ich gehe vom Schrobenhausenerplatz auf der rechten Gehsteigseite in Richtung Stadtinneres. Auf halber Höhe höre ich von hinten einen Wagen beschleunigend aufheulen, der auf den 50 Metern vom Kreisverkehr bis zur Ecke Naarner Straße/Hauptplatz auf mindesten 80 km/h beschleunigt. Dass er mich im Vorbeirasen mit Matsch und Dreck bespritzt, ist dabei fast Nebensache.
Szenario 2: Es ist ein warmer Mainachmittag. Ich sitze – so gegen 17 Uhr – mit einem Freund im Schanigarten des Cafés im Seifensiederhaus. Bei der Vielzahl an (schweren) Fahrzeugen, die sich gerade durch Herrenstraße/Hauptplatz/Linzer Straße quälen, ist es nicht möglich, eine entspannte Unterhaltung zu führen. Der Geräusch- und Abgaspegel liegt jenseits der Zumutbarkeitsgrenze. Wir ziehen ab.
Szenario 3: Es ist Samstag-Abendmesse: Der Pfarrer spricht die letzten Einsetzungsworte über dem Wein: „… Tut dies zu meinem …“ – ÖHM, ÖHM, ÖÖÖÖHHMMMM, ÖÖÖÖÖÖHHHMMMMM! – Das Wort „Gedächtnis“ fällt mit ohrenbetäubendem Lärm von draußen zusammen und ist fast unhörbar: Ein Gruppe 16-Jähriger kurvt gerade mit ihren auffrisierten Gatschhupfern um die Kirche herum und terrorisiert auf schamlose Weise die Perger Innenstadt mit ihren multiplen Emissionen.
Diese exemplarisch angeführten Vorkommnisse spielen sich in Variationen täglich Dutzende, nein: Hunderte Male im und rund um das Zentrum ab – Perg ist eben eine motorfahrzeugfreundliche Stadt!
traffic-sign-6773_1920Muss das so sein? Glauben die Politiker und Wirtschaftstreibenden wirklich, dass eine Stadt nur dann lebt, wenn sie vor Autos bebt? Meinen sie im Ernst, dass sich die Prosperität des Zentrums direkt proportional zum Autodurchsatz verhält? Wollen sie tatsächlich das Standing und den Charme von Perg über den Leitwert „Parken vor jeder Auslage“ sichern oder gar verbessern? Ich hoffe doch, dass dieses Auto-Paradigma schön langsam aus den Köpfen der Bürgervertreter verschwindet.
Ist es in unserer Stadt nicht am Schönsten, wenn das Zentrum den Fußgängern und Radfahrern gehört? Die vormaligen Perg-Feste, das Vinum und manch andere autoarme Veranstaltung gaben und geben ein beredtes Zeugnis davon, was eine verkehrsberuhigte Kernzone sein könnte: ein Ort der Begegnung, des Verweilens, des Einkaufens und Genießens; der Hauptplatz macht Platz und nimmt als Gesamtensemble die flanierenden Menschen auf. Genau dazu ist dieses städtische Geviert ursprünglich geschaffen worden!
Natürlich ist eine dauernde Auto-Totalsperre nicht realistisch, aber ein Mittelding aus ihr und den jetzigen Verhältnissen lässt sich bei entsprechendem Mut definitiv umsetzen. Die bisherigen Gehwegverbreiterungen haben allenfalls kosmetischen Charakter und sicher keine abschreckende Wirkung auf Motorfahrzeuge.
Im gegenwärtigen verkehrspolitischen Laissez-faire verödet die Perger Innenstadt mehr und mehr zu einem Drive-in. In dessen Logik liegt es, nur das Nötigste zu nehmen und dann schnell aufs Gas zu steigen und zu verschwinden. Das können die Verantwortlichen nicht wirklich wollen – oder?

∼∼∼

Der Text erschien in den Oberösterreichischen Nachrichten vom 24. Juni 2015.