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Von der Liebe

Ihr habt wahrscheinlich alle schon einmal von Narziss gehört. Dieser junge Mann ist unheimlich schön – nur weiß er das nicht. Eines Tages entdeckt er zufällig in einem ruhigen Gewässer die Reflexion seines Gesichts und ist berauscht: Liebe auf den ersten Blick. In Hinkunft kann er nicht mehr davon ablassen, stundenlang verzückt in den See zu starren. Irgendwann reicht ihm das nicht mehr und er versucht, sein angebetetes Spiegelbild zu umarmen. Dabei stürzt er in das Nass und ertrinkt. An der Uferstelle, wo er zuletzt gehockt ist, wächst eine Narzisse. Soweit die griechische Mythologie.
Das Rote Kreuz hat seit seinen Anfängen einen strikt antinarzisstischen Zug: Ein junger Kaufmann aus der Schweiz, Henry Dunant, war 1859 zufällig in Solferino, als zwischen dem Kaisertum Österreich (unter dem jungen Monarchen Franz Joseph I.) und dem Königreich Sardinien (mit dem Verbündeten Frankreich) die Entscheidungsschlacht des Sardinischen Krieges tobte. Unter dem Eindruck der fürchterlichen Situation der Verwundeten organisierte er spontan und freiwillig für beide Kriegsparteien Hilfe und schrieb später das berührende Buch „Eine Erinnerung an Solferino“, das er an die Mächtigen Europas verschickte. Die ersten Schritte am Weg zu einem großen Hilfswerk waren damit gegangen. 1864 kam es dann wirklich zur Gründung des Roten Kreuzes, das heute, 153 Jahre später, längst eine weltumspannende Organisation ist. Sein Mission Statement (die griffige Formulierung der wichtigsten Aufgabe) lautet: „Das Leben von Menschen in Not und sozial Schwachen durch die Kraft der Menschlichkeit verbessern“. Schöner und kürzer kann man es nicht sagen.
Henry Dunant_LOWWir, die rund 1.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rotkreuz-Bezirk Perg, haben uns unter dieser zentralen Vorgabe im Geiste Dunants dazu entschlossen, in der einen oder anderen Weise für unsere Nächsten da zu sein. Unser Blick bleibt nicht im Spiegel gefangen, sondern geht von uns selbst weg, um das Antlitz des Anderen zu suchen. Unsere Hand streicht nicht in narzisstischer Manier durchs frisch geföhnte Haar, sondern streckt sich nach einer fremden aus, um tatkräftige Hilfe anzubieten. Und unser Herz kreist nicht endlos um die Vorzüge der eigenen Person, nein: es weiß ganz genau, dass seine vornehmste Aufgabe darin besteht, sich in Beziehungen zu Mitmenschen zu verwirklichen. Das ist unsere Art, Blumen wachsen zu lassen.
Eine fürsorgliche, helfende, gar heilende Verbindung zu einem lebendigen Gegenüber kann man auch mit dem Wort „Liebe“ bezeichnen, griechisch agape. Dieser Begriff findet sich dann auch folgerichtig in unserem Leitspruch, der auf jedem unserer Geschäftspapiere, auf unserer Homepage, in unseren Tätigkeitsberichten und in jeder zweiten unserer Reden zu lesen bzw. zu hören ist: „Aus Liebe zum Menschen“. Wenn dieser Satz nicht bloß ein billiger PR-Gag, eine hohle Marketingphrase sein soll, sondern ernst gemeinte und (zumindest versuchsweise) gelebte Realität – und davon müssen wir selbstverständlich ausgehen –, dann dürfen wir uns alle, liebe Kolleginnen und Kollegen, als leidenschaftlich Liebende in obigem Sinne begreifen. Ich weiß, das ist nahe am Kitsch formuliert und lässt die eine oder den anderen vielleicht innerlich protestieren, man möge doch bitte den Ball nicht gar so hoch in den Himmel schießen – aber Henry Dunant, unser Mission Statement, unsere Grundsätze und das Corporate Design des Österreichischen Roten Kreuzes sprechen eine eindeutige Sprache: Das Rote Kreuz ist ein amouröses Projekt.
Und diese Botschaft passt ganz wunderbar zum bevorstehenden Weihnachtsfest.

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Meine ständige Kolumne im Extrablatt, dem Rotkreuz-Mitarbeitermagazin des Bezirkes Perg, hier: Nr. 4 (2017), 15.