Beim Barte des Philosophen

Hab wieder ein bisschen Nietzsche gelesen: „Also sprach Zarathustra“1. Die Titelfigur dieses 1883–85 erstmals erschienen Werks beschließt nach zehn Jahren der einsamen Selbstfindung auf einem Berg wieder in Tal zu gehen und die Menschen mit seiner Weisheit zu beglücken. Beim Abstieg trifft er als erstes einen Heiligen, der – zum großen Verwundern von Zarathustra – noch nichts vom Tode Gottes (ausgerufen im Vorgängerband „Die fröhliche Wissenschaft“2) gehört hat. Er klärt ihn nicht auf und geht weiter; im Tal kommt er in eine Stadt, auf deren Marktplatz gerade Jahrmarktsgetümmel herrscht. Dort, inmitten einer Menschentraube, bietet Zarathustra eine erste unerhörte Botschaft feil:
„Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden? Alle Wesen bisher schufen Etwas über sich hinaus: und ihr wollt die Ebbe dieser grossen Fluth sein und lieber noch zum Thiere zurückgehn, als den Menschen überwinden. […] Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und Vieles in euch ist noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als irgend ein Affe. […] Seht, ich lehre euch den Übermenschen! Der Übermensch sei der Sinn der Erde. Eurer Wille sage: der Übermensch sei der Sinn der Erde!“

Die Leute, mehr beschäftigt mit den Dingen vor und unter ihnen, lachen ihn aus. Zarathustra wundert sich erneut und wechselt Strategie und Thema – den er möchte die Zuhörer unter allen Umständen affizieren, mit seiner guten Botschaft infizieren: „Es ist an der Zeit, dass der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an der Zeit, dass der Mensch den Keim seiner höchsten Hoffnung pflanze. Noch ist sein Boden dazu reich genug. Aber dieser Boden wird einst arm und zahm sein, und kein hoher Baum wird mehr aus ihm wachsen können. Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren! Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch. Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe! Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann. Seht ich zeige euch den letzten Menschen. ‚Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?‘ – so fragt der letzte Mensch und blinzelt. […] Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in’s Irrenhaus. […] Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald – sonst verdirbt es den Magen. Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit. ‚Wir haben das Glück erfunden‘ – sagen die letzten Menschen und blinzeln. –“4 Die Menge johlt ob der komischen Worte und Zarathustra weiß sich erneut unverstanden …

Friedrich Nietzsche, Foto (c) Culture Club, Getty Images

Trotzdem – erhörte Prophetie: Gut 130 Jahre später ist Gott längst seinen Bedeutungstod gestorben und der jahrtausendelang eingeübten metaphysischen Bewegung des Menschen ist damit das Ziel weggebrochen. Aber ist sie auch zum Stillstand gekommen? Oder wirft sie sich heimatlos irrlichternd den nächstbesten Dingen an den Hals? Oder beißt sie sich als Schlange in den Schwanz? Vielleicht. Auf jeden Fall hat inzwischen der letzte Mensch die Erde fest im Griff. Sein Attribut ist gleichzeitig sein größtes Begehren. Alles, was er anfasst, möchte er midashaft in ihm Ähnliches verwandeln: (einst) Vorletztes in Letztes, (einst) Relatives in Absolutes, (einst) Vergängliches in Bleibendes. Der letzte Mensch, das sind wir alle. Wir sterben zwar täglich den Wärmetod der Behaglichkeit und fordern diesen nun auch vehement vom einzigen Bezugsraum, der geblieben ist: der sicht- und nutzbaren Welt, aber wir wollen das immer wieder tun. In unserem unheimlichen Drang zu bleiben, über zu bleiben, sind wir letzten Menschen damit auch schon die Übermenschen. (Aus Nietzsches Nachzeitigkeit wurde Gleichzeitigkeit.) Ja, wir sind Hybriden, Hybriden der Hybris, seit mindestens 113 Jahren. Unser geistiger Überschuss reicht gerade noch aus, uns ein langes Leben in zunehmendem Wohlstand (ein Wort, das kaum mehr weiß, was es bedeutet) vorzustellen – dann reißt die Phantasie ab. Und sollte sich in unseren Eingeweiden vielleicht trotzdem von Zeit zu Zeit ein sehnsüchtig-saugendes schwarzes Loch auftun, muss es nur schnellstens gestopft werden! Letztlich und überhaupt mit uns selbst.

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Nietzsche, Friedrich, Also sprach Zarathustra, Krit. Studienausg. (KSA 4), hg. v. Giorgo Colli u. Mazzino Montinari, München 142014.
Nietzsche, Friedrich, Die fröhliche Wissenschaft, Krit. Studienausg. (KSA 3), hg. v. Giorgo Colli u. Mazzino Montinari, München 92015.
Nietzsche, Zarathustra, 14.
Ebd., 19f.
Foto: Friedrich Nietzsche, © Culture Club/Getty Images.