Bitte mehr Kurven!

Im letzten Jahr wurde die Naarn, meine Namenspatin, südlich der Heustraße großräumig umgestaltet. Der öde Kanal erhielt (im bereits fünften diesbezüglichen Projekt) entlang von gut hundert Flussmetern wieder eine lebensdienliche Gestalt. Damit wurde dem Gewässer das zurückgegeben, was es im Unterlauf seit einigen drastischen Regulierungen in der Vergangenheit bitter vermisste: Kehren, Umwege, Sackgassen. Es entstanden Wasser- und Uferräume mit je eigenen Attraktionen, die hoffentlich bald von verschiedensten Bewohnern bewohnt und genutzt werden. Und wir Menschen sind da mitgemeint.

Eine Strecke ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten. Ist sie mit einem Zeitindex versehen, sind alle Zutaten vorhanden, um die gefährlichste Droge der Welt zu kochen: Geschwindigkeit. Wir alle sind längst auf Speed und unsere Dosis muss ständig erhöht werden, um die gleiche (paradoxerweise) beruhigende Wirkung hervorzurufen: das erhabene Gefühl, dabei zu sein, nichts zu versäumen, seinen Teil abzubekommen. Wenn’s nicht ordentlich rauscht, ist man weg – so denken viele. Dass manche in dieser wahnwitzigen Regatta irgendwann nur mehr mit dem Bauch nach oben dahintreiben, ist halt nicht zu ändern. Immerhin wird so der Wert der übrigen gesteigert: je höher die Zahl der Havarierten, desto heller strahlt der Sieger. Eine simple Rechnung. Und wenn wir was können, dann rechnen und simpel sein …

Leute, was uns mehr und mehr abhandenkommt, sind die Biegungen! Unsere moderne Welt ist ein hocheffizientes Begradigungsunternehmen am dunklen Fluss der Zeit. Wir sind besessen vom Gedanken, am Beginn bereits das Ende sehen zu können und dieses dann flugs zu erreichen. Aber das Leben ist weder aus einer Linie entstanden noch ist es selbst eine. Es buckelt, es ruckelt, es zuckelt – und wir mit ihm. Bekennen wir uns doch gleich zum Kurvigen, zum Unsteten (das sich untergründig sowieso Bahn bricht) und verströmen wir uns dergestalt ans Leben. Los, mäandrieren wir durchs Dasein! Mal langsam, mal langsamer. Sonst gehen wir bloß auf den Strich und verkaufen uns selbst für dumm.

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