Das Sakrament des Fleisches

Nach dem Frühstück in meiner Wohnung beschlossen wir, einen Ausflug zu machen. Es kündigte sich ein schöner Septembersonntag an, der uns für eine Wanderung perfekt erschien. Wir packten ein paar Sachen und setzten uns ins Auto. Nach einer halben Stunde Fahrt stellte ich den roten Mazda vor einem Wirtshaus ab und wir gingen los.

Dass ich Judith gefunden hatte, betrachtete ich als reines Wunder. Mir, der durchschnittlich aussah und leicht autistische Züge hatte, erschien der Weg zu einer Frau immer wie ein kaum zu bewältigender Aufstieg auf einen hohen Berg, mit vielen schlüpfrigen Passagen und gefährlichen Graten. Ein Ankommen bei ihr war weit unwahrscheinlicher als ein Umdrehen oder ein Verunglücken oder auch ein trauriges Verhungern im Nebel. Wie auch immer – diesmal hatte es tatsächlich funktioniert, meine erotisch motivierte Expedition war nach schwierigen Monaten an ein glückliches (aber vorläufiges, wie ich mir vernünftigerweise sagen musste) Ziel gekommen: Wir waren ein Paar geworden.

Sechs Monate dauerte unsere Beziehung nun schon und ich war verliebt wie am ersten Tag. Judith besaß ein fröhliches Wesen und sah sehr gut aus – nur einige ihrer Vorzüge. Mein Mund und meine Nase, die in letzter Zeit beinahe zu einem Organ zusammengewachsen waren, konnten nicht von meiner Freundin lassen. Sie mussten sie immerzu riechen, von ihr kosten und der Duft ihrer Haut und der Geschmack ihrer Küsse waren zauberhafte Substanzen, die alle Verknöcherungen meiner Seele auflösten. Judith schien gleich zu empfinden. Ihr weiches Gesicht fand in traumhaftem Gleichklang das suchende Gegenüber. So wanderten wir umschlungen und mit zusammengesteckten Köpfen durch die hügelige Granitlandschaft des Mühlviertels und taten einander gut. Die Welt lag in frühherbstlicher Pracht vor uns und wir hatten das Gefühl, alles in ihr wäre unsagbar gut.
„Carl …“
„Ja?“
„Das ist schön hier. Wir sind wie Bärin und Bär, die unterwegs immer wieder vom wilden Honig naschen.“
Sie hatte eine lyrische Ader, die in ihren Reden häufig durchschlug. Das mochte ich, und oft nahm ich ihre Bilder, die manchmal etwas schief und kindlich waren, auf und malte sie weiter.
„Genau genommen sind wir wie Bärin und Bär, die für einander wilder Honig sind“, sagte ich neckend. „Und weißt du was, ich mag alle Sorten Honig von dir: eine süßer als die andere.“
Und zur Bekräftigung küsste ich sie schwelgerisch.

grafik_franz-naarn_lowNach gut drei Stunden kamen wir in den Ort zurück und beschlossen, die kleine Kirche zu besichtigen. Liebende hatten seit jeher eine Vorliebe für leere Gotteshäuser. Dort störte niemand ihre exklusive Zweisamkeit. Das gut 800 Jahre alte Gebäude war ein Mix aus romanischen, gotischen und barocken Elementen, jede Zeit hatte ihre Zeugen hinterlassen. Wie erhofft, war im Inneren kein Mensch zu sehen. Wir setzten uns auf der rechten, der Männerseite in die dritte Bank. Still war es hier. Es roch nach dem alten Holz, nach dem verputzten Stein und fast unmerklich nach dem Wachs der Kerzen, die heute schon eine Weile gebrannt hatten. Schweigend hielten wir uns an den Händen. Das Sonnenlicht fiel durch die südseitigen Fenster und zeichnete auf der gegenüberliegenden Mauer bunte, wandernde Flecken. Lange saßen wir so. Zu den Viertelstunden hörten wir die klaren Schläge der Kirchturmuhr, die eigenartigerweise das Gefühl der Zeitlosigkeit nicht vertrieben, sondern unterstrichen. Unter dem Kreuzrippengewölbe pochte ein großes Herz aus Zuversicht.

„Gehen wir noch nach vorne“, meinte irgendwann Judith.
Wir standen auf und schritten langsam zum Ostende der Kirche. Am Tafelbild des Hochaltars war – in huldvoller Haltung, mit Stab und Mitra – Bischof Nikolaus dargestellt, der hiesige Patron. Aus reiner Neugierde lugten wir auch hinter den Altar, der ungefähr eineinhalb Meter vor der Außenmauer in die Höhe gezogen war. Zu unserer Überraschung fand sich dort, fest an die Wand geschmiegt, der Beichtstuhl des Kirchleins. Im toten Winkel des Allerheiligsten, in der spirituellen Schattenzone, wo üblicherweise ausgediente, verstaubte Kandelaber und alte Bänke gelagert wurden, konnte man dem Büßergeschäft nachgehen. Diesen Umstand fand ich hochinteressant.
„Schau, Carl, die Schnitzerei“, sagte Judith, die neben mir stand.
Sie hatte einfach einen Blick fürs Detail. Ich ging die paar Schritte zum schwarzbraunen Gestühl hin, das aus zwei Kämmerchen bestand, und betrachtete das Werk genauer. Es wuchs am linken Türblatt empor, auf der Seite, die für die Beichtwilligen bestimmt war.
„Eine Szene aus dem Garten Eden“, erklärte ich und empfand dabei den Stolz des Halbgebildeten, der etwas Offensichtliches erkannt hatte. „Hier der verhängnisvolle Baum mit seinen prallen Früchten; da die Schlange, die verführerisch in die Gegend zischelt.“
Judith folgte mir, stand nun ebenfalls dicht vor dem hölzernen Kunstwerk.
„Da steht auch was“, meinte sie. „Erkenne dich, dann wirst du gerettet werden!“, las sie vor.
Der Text war als Verlängerung des Schlangenmauls mit feinen Werkzeugen ins Holz getrieben worden und damit als Ausspruch des Reptils zu deuten. Da Adam und Eva nirgends im Schnitzbild vorkamen, war die holprig formulierte Losung wohl als feuriger Ansporn zur Gewissenserforschung an die Bußfertigen gerichtet, die hier seit Jahrhunderten mit einem leichten Zaudern am Knauf zogen, eintraten und im Dunkel des Kabäuschens auf die Knie fielen. Der Pfarrer, der diese Arbeit in Auftrag gegeben hatte, war wohl ein rühriger Humanist gewesen.

„Ein unwiderstehliches Entree“, sagte ich verschwörerisch zu Judith und unsere Augen blitzten.
Natürlich, dieser unvermutet aufgetauchte Raum im Raum übte auf uns eine magische Anziehungskraft aus, da wir in ihm dreifach verborgen sein würden: in der Kirche, hinter dem Hochalter, im Beichtstuhl – etwas Intimeres, etwas Romantischeres ließ sich kaum vorstellen. Und schon schlüpften wir zusammen in den dämmrigen Kasten. Allerdings bevorzugten wir die breitere Priesterseite, die mit einem gut gepolsterten und mit Leder bezogenen Sitzbrett ausgestattet war; vis-à-vis gab es nur einen niedrigen, harten Schemel.

Dort drinnen waren wir wieder ganz Verliebte … Der gute Nikolaus beschenkte seine beiden Erdenkinder mit einem großen Sack Zärtlichkeit, dessen Vorrat – so glaubten wir fest in diesem gesegneten Moment – niemals zu Ende gehen würde. Wir redeten in Zungen und unsere Atemsprache war rein und klar und kam aus der Ewigkeit. Unseren heißen Körpern wuchsen tausend Augen und wir erkannten uns.
Mehr brauchten wir gar nicht zu wissen.

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©Foto: Franz Naarn/Download als PDF