Unser Wahr-Zeichen

Das Einhorn am Perger Hauptplatz scheut. Kein Wunder, gilt doch das Fabelwesen seit jeher als besonders sensibel und anspruchsvoll. Aber wovor ängstigt es sich? Vielleicht vor dem Bürgermeister, der in unmittelbarer Nähe des stolzen Vierhufers sein Büro hat? Eher nicht, besitzt doch der oberste Gemeindevertreter funktionsbedingt selbst einen Hang zum Fabelhaften – quasi Seelenverwandter. Und überdies hat er dem Wappentier neulich sogar ein Fest ausgerichtet, die verstehen sich wohl.

Wovor also dann? Warum stellt sich unser monogehörnter Freund panisch auf die Hinterbeine und zeigt Zähne? Wurde er von den Dirndln in Dirndln und den Buben in Krachledernen erschreckt, die jeden Freitag verordneterweise durch die Stadt strawanzen? Auch unwahrscheinlich, drücken doch diese in wohlfeile Tradition Gewandeten damit ihre außerordentliche Heimatliebe aus und trachten in dieser herrlichen Gestimmtheit wohl kaum danach, dem heraldischen Hero Böses zu tun.

Aber wieso tut das Einhorn dann Manderl machen? Liebe Leserinnen und Leser, ich glaube, wegen der ihm fremden, lauten und grauslich stinkenden Blechtiere, die sich zu Tausenden vor seinen Augen in seltsam aggressiver Hast über den Hauptplatz bewegen. Nie kann ein derart edles Geschöpf dabei ruhig bleiben! Und nie können wir, die nicht minder edlen Bewohner und Besucherinnen von Perg, dabei ruhig bleiben! Versuchen Sie einmal, sich wie unser mythologischer Gefährte den Gewalten der Innenstadt auszuliefern, ungeschützt, ohne Auto. Werden Sie zum Flaneur, zur Gastgartensitzerin, zum Müßiggänger. Nur so, den Elementen direkt ausgesetzt und mit ziellos streifenden titelbild-1030x6871Sinnen, weht Sie nämlich das an, was man Atmosphäre nennt. Und wie ist die dort? Erschreckend! Zum Davonlaufen! Beispiele gefällig? Neulich in der Murano Bar sitze ich bei offener Glasfront am Tisch nächst der Straße, als ein Sattelschlepper vorbeirauscht und Staub und Fahrtwind mir das Cordon bleu, das ich eben serviert bekommen habe, ein zweites Mal panieren. Eine Woche danach tafle ich im Schanigarten des Restaurants Roma; da beschleunigt einen Meter neben mir ein uralter Kombi mit Dieselaggregat mächtig aus dem Stand und aus der Abgaswolke regnet Ruß auf meine schon halb gegessene Pizza Rusticana herab, die ich danach als krass überwürzt stehenlasse. Und wieder ein paar Tage später – ich schlecke gerade genüsslich mein Heidelbeer-Zitrone-Eis vom Corso und schlendere Richtung Rathaus – rast ein Wahnsinniger auf einem Gelände-Motorrad mit mindestens 80 Sachen Richtung Linzerstraße und hat genau auf meiner Höhe eine gewaltige Fehlzündung, sodass ich das Reißen kriege und mir die gefrorene Herrlichkeit auf den Gehsteig kugelt.

Frustriert in die nun nackte Tüte beißend, überquere ich in eiligem Zickzack die riesige Kreuzung und stehe unversehens vor dem schimmernden Leib des Einhorns. Mitleidig tätschle ich ihm das Hinterteil und mache dann das, was es selbst tun möchte, aber ob seiner Repräsentationspflichten nicht tun kann: weggehen. Denn länger als für eine schnelle Mahlzeit hält man es auf dem Perger Hauptplatz nicht aus. Und das ist sehr schade.

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©Foto: Stadtgemeinde Perg/Download als PDF