Agnostiker

Der Vater meines Vaters war Bauer, Säufer
und Nazi. Jahrelang lieferte er Lebensmittel
ins KZ Mauthausen, das von seinem Hof
in einer Stunde mit dem Pferdefuhrwerk
zu erreichen war: Erdäpfel, Rüben, Schweine
und Gesinnung – frei Haus ans große Lagertor.
Während der Leiterwagen abgeladen wurde, trank
er ein paar Obstler mit den SSlern von der Wache.

Neunzehnhundertvierundsechzig starb er.
Da war er noch immer Bauer und Säufer.
Und das andere taumelte wohl ebenfalls
als stille Größe in seinem Hirn herum.
Reue – so ist zu vermuten – empfand
er am Ende nur darüber, dass er im
Kirchdorfer Krankenhaus das Alkoholverbot
nicht konsequenter umgangen hatte.

Der Enkel ist längst nicht so selbstgewiss
wie es den Anschein hat. Er ist bedrückt
und hat auch Mitgefühl mit seinem Vorfahren,
den er niemals zu Gesicht bekommen hat.
Aus dem Nicht-Schrecken über den Schrecken
zu befinden, ist wahrscheinlich ein Kategorienfehler.
Die rechte Umgebung zur Schärfung seines Urteils
möge dem Zweifler aber erspart bleiben.