Herbstherz

Du, Herbst, ich mag dein kühles Händchen,
das alte Blätter zwickt vom Baum.
Ich mag es, wenn dein raues Bändchen
sich schlingt um jeden grünen Flaum.

Und vorher machst du schöne Backen
gar manchem Obst und mancher Frau.
Und wirst gekrönt mit bunten Zacken:
du bist der Jahreszeiten-Pfau!

Mhh, du bist so prall und völlig,
sämig, cremig, eingekocht!
Deine Haut ist stark und ölig!

Bist ein Fest dem Ende zu –
hör nur wie dein Herbstherz pocht!
Bis zum Winter, dann ist Ruh.

Eine spanische Nacktschnecke
als Minnesänger

Wenn ich Lust auf Liebe hab,
sing ich: Süße Schnecke,
komm, lass uns im Paarungstrab
kriechen eine Strecke.

Das von mir bezirzte Tier
liegt mir bald zu Füßen …
Kosend geb ich ihr dafür:
Schleim aus vollen Drüsen.

Sollt ich einmal einsam sein –
keine minnt mich Ritter –,
mach ich Liebe halt allein,
denn ich bin ein Zwitter.

Zwei Stimmen, die sich heute in mir zum Gespräch trafen und sich verstanden …

 

Vom Beten

Sind wir nicht meistens nur
Gottesanbettler?

Beten – das ist
sich aussetzen in Dir,
wie Du Dich ausgesetzt hast.

Allerorten.
Ohne Monstranz.

(Christine Busta)

 

„Tout ce qui arrive est adorable“, alles, was geschehe, sei anbetungswürdig.

(Leon Bloy)

Die Katholische Kirche feiert mit der Bauernschaft und der ganzen Gemeinde ein Fest des Dankesagens. Wir haben uns nicht selbst in die Welt gesetzt, wir haben uns nicht in der Hand, sondern verdanken uns anderen, einem anderen. Das Leben mit all seinen Facetten ist uns geschenkt und auch das Lebenkönnen – das ist allemal genug Anlass für einen solchen Gottesdienst, eine solche Feier.
Eines der Schriftworte heute: 1 Kor 12,4ff Der eine Geist und die vielen Gaben, vom Priester in seiner Predigt aufgegriffen und ausgelegt: Wir hätten alle Talente, jeder sei wichtig, alle könnten sich zum Wohle der Gemeinde einbringen – natürlich (so schränkt der Pfarrer als erstes ein): nicht jeder oder jede könne Weisheit mitteilen oder prophetisch reden –, aber alle hätten Begabungen und nur die Summe aller dieser Fähigkeiten ergebe ein annähernd vollständiges Bild der Gemeinde usw. Und im weiteren Verlauf der Predigt dann selbstverständlich die Erwähnung unserer grundsätzlichen Abhängigkeit, unserer Geschöpflichkeit; und das täglich Brot, das uns geschenkt werde; und für alles das – und noch viel mehr – solle man frohen Herzens danken und Gott preisen …
Eine bemühte, aber voraussehbare Ansprache, die viel Richtiges sagte, aber nichts Problematisches, dass durch dieses Richtige herausgefordert wäre; und mit dieser homiletischen Ansammlung ihres kritischen Potentials beraubter biblischer Weisheiten, die als spirituelle Aufbaukost funktionalisiert wurden, blieb mir am Ende bloß das fade Völlegefühl eines affirmativen Eintopfs übrig, das mich meinen tiefen Hunger nach existentiell ausgreifenden und die Ambivalenzen der Welt beim Namen nennenden Predigtworten umso nagender verspüren ließ. Nichts also von der tödlichen Ungerechtigkeit in der Welt; von der Vergiftung unserer Böden durch Pestizide und Düngemittel; von den Schweinefabriken, die unser aller Gier nach billigstem Fleisch mit unerträglichen Haltungsbedingung ermöglichen; von der gnadenlos hierarchischen Verfasstheit der Katholischen Kirche, die zwar viele Charismen kennt und ihre Verwirklichung auch vordergründig begrüßt, aber in Wahrheit zu 98 Prozent auf die Berechenbarkeit und Ordnung des Amtes und der Befugnis setzt und die Kirchenwelt überzieht mit einem geweihten und gesendeten Heer an recht durchschnittlich charismatischen Predigerinnen und Predigern.

Gott schenkt – einst – eine heile Welt; inzwischen aber müssen wir mit der Gebrochenheit und Vorläufigkeit unserer Existenz(en) auskommen. Die tiefe Dankbarkeit für Momente des Glücks, für erfahrene Liebe und ein (in unseren Breiten) einigermaßen gesichertes Dasein darf uns nicht dazu verführen, die heillose Verfahrenheit der Weltsituation aus dem Blick zu verlieren. Christen und Christinnen können nur feiern, Eucharistie feiern, Danksagung feiern, im Blick auf das Opfer, und damit auf die unzähligen Opfer der Vergangenheit und Gegenwart. Einzig in dieser Perspektive ist es uns erlaubt, das Leben für zustimmungsfähig zu halten und für es dankbar zu sein. Christlich gesprochen ist der Geschmack dieses Lebens immer bittersüß, bei gleichzeitiger Aufforderung, sich nicht in trüben Untergangsszenarien zu ergehen, sondern zuversichtlich nach vorne zu blicken und in unserem Dasein durchaus auch die Kategorie „Genuss“ zuzulassen – nur eben nicht vorbehaltlos.
Vergessen wir nämlich beim Feiern auf diesen Stachel im Fleisch, dann überheben wir uns und ergeben uns dem behaglichen, freundlichen und mit ein bisschen Religion verbrämten guten Leben (vgl. 2 Kor 12,7–10), das von weltabgewandtem Egoismus kaum zu unterscheiden ist. Wir glauben dann nicht mehr an den Gott der Bibel, sondern an einen Götzen des bürgerlichen Wohlgefühls.

Besuch beim Vater. Auch mein jüngster Bruder war da. Erstaunlich die erneute Entdeckung: Wir sehr wir Söhne ihm doch gleichen – bei aller betriebenen Emanzipation von ihm. Doch jahrelange Anschauung (und nichts anderes wird einem beim Erzogenwerden zu Teil) ist wahrscheinlich hartnäckiger und wirkmächtiger als alle späteren Versuche, sich durch rationale Durchdringung aus ihrem Bann zu lösen. Was sich in Familien an unergründlicher Weitergabe ereignet, geschieht genauso in Gesellschaften und auf Erdteilen. Stumm ererbtes Verhalten und ebenso empfangene Schuld springen von Generation zu Generation. Das Eigene ist das Andere mehr als wir ahnen. Wir müssen behutsamer in unseren Urteilen werden.

„In Schwaben sagt man von etwas längst Geschehenem: es ist schon so lange [her], dass es bald nicht mehr wahr ist.”
G. W. F. Hegel, Jenaer Tagebuch

Die schwäbische Redensart ist eine gefährliche Drohung: Die Gräuel der Nazizeit sind erst gut 70 Jahre vorbei, aber mitunter beschleicht mich das ungeheuerliche Gefühl, sie begännen sich bereits im Dunkel der Vergangenheit aufzulösen und ihr erinnerndes Andenken wäre schwerer und schwerer zu leisten.
Gestern ist es mir so ergangen. Ich besuchte mit einem Freund – wie jedes Jahr – die Open-Air-Filmretrospektive im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen, die heuer unter dem Motto „Persönliche Verantwortung von 1933 bis 1945“ stand. Die von Frank Stern kuratierte Filmschau zeigte als Auftakt den 1961 in der DDR unter der Regie von Konrad Wolf gedrehten Streifen „Professor Mamlock“, der an der Person des jüdischen Chefarztes einer Berliner Klinik die Zeit vor und kurz nach der Machtergreifung Hitlers und die damit einhergehenden gravierenden Veränderungen entwickelte …
Wir, das Publikum, waren in bequemen Autos angereist, saßen in kuschelige Decken gehüllt auf Plastiksesseln am großen Platz vor dem Besucherzentrum der Gedenkstätte und schauten unter einem grandiosen Sternenhimmel auf die flackernden Schwarzweißbilder. Manchmal streifte mein Blick nach links und ich sah im Widerschein der Leinwand einen Teil des Lagers mit seiner Buckelquadermauer aus tödlich gewonnenem Granit, mit der Küchenbaracke, mit dem Lagergefängnis, durch dessen Dach Kamine brachen – vielleicht auch jener des Krematoriums.
Nach der Vorführung gingen mein Freund und ich noch eine kleine Runde am Gelände. Die grob behauenen Steine der Wand, die massiven Holzflügel des Garagenhoftores, das Loch in der darüberliegenden Steintraverse, das einst vom Reichsadler ausgefüllt worden war, der beinahe laue Abend, die freundliche Kinoatmosphäre, die noch nachwirkte, die Grillen, die Sterne, unser abgesichertes Leben – all das konnte ich plötzlich unmöglich in einem kohärenten Ganzen denken, es fiel auseinander, war beziehungslos und unnütz. Der Schrecken, der hier und in den Nebenlagern von 1938 bis 1945 geherrscht hatte und dem mindestens 90.000 Menschen (bei insgesamt 190.000 Gefangenen) zum Opfer gefallen waren, entglitt mir ins Fiktive. Ich konnte einfach nicht die seelische Spannweite aufbringen, zwischen dem Heute und dem Damals derart zu vermitteln, dass sich echte Erinnerung in mir ereignete, nämlich eine, die mit einer moralischen Widerstandskraft gegen die totalen Vollzüge der Gegenwart ausgestattet war und es damit allein fertigbrachte, das überall (und gerade auch in mir) sich abzeichnende Vergessen der Shoah – und aller anderen Nazi-Verbrechen – aufzuhalten. Ich dachte in diesen Minuten bloß: Wo bin ich da nur hineingeraten: das ist doch nur ein krudes Bühnenbild eines surrealen Theaterstücks; nur gut, dass es zu Ende ist und ich es hinter mir lassen kann!

Stunden später erschrak über die Unfähigkeit, mich zu er-innern, in mir einen Raum für die Vergangenheit herzurichten; vor allem aber über das unbezwingbare Gefühl, den Ort und die Geschehnisse für unwirklich erklären zu müssen. Die Scham, die sich darüber nach und nach einstellte, treibt mich heute dazu, der gestrigen Situation nachzugehen, sie einzuholen und der Geschichte wieder die Würde der Realität zuzusprechen.
Das einzige Medium dieser Erinnerung ist die Wahrheit: Die Wahrheit der Vergangenheit ereignet sich in der Wahrheit der Gegenwart. Wir müssen die Kraft aufbringen, dieser Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Ihr Antlitz leuchtet durch die Arbeit vieler unverkennbar.