Mundus sensibilis

Schaut!
Seht ihr es nicht?
Er leidet, er fiebert.
Fühlt doch –
diesen saftlosen Kampf,
der auch unserer ist.
Bleibt doch,
spürt und bleibt.

Hin und weg

Stoffwechselhöriger!
Hinweggeschleudert
von rasenden Zellen,
das Leben zu ehrn.

Taub werden und tauber,
die Ohren voll Nichts!
Und langsam erklingen
als anderes Lied.

Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau:
zwei staatstheoretische Konzepte im Vergleich

Nach relativ stabilen Verhältnissen während des Hochmittelalters, in denen Geistiges und Politisches nach Maßgabe göttlicher Gesetze bzw. der Natur harmonisch eingerichtet waren, erschütterte das 14. Jahrhundert dieses ordo-Gefühl: Kaiser und Papst stritten im Investiturstreit exzessiv um die politische Vorherrschaft; in der Theologie und Philosophie bedrohte der Nominalismus die Zuversicht, Gott und die Welt – und damit den Menschen – zuverlässig und endgültig erkennen zu können; zudem raffte eine verheerende Pestepidemie rund ein Drittel der europäischen Bevölkerung dahin. Alles schien in Wanken zu geraten, die Bezugspunkte verflüssigten sich.
Die Renaissance versuchte, auf diese Herausforderungen denkerisch, künstlerisch und politisch zu antworten. Mehr und mehr rückte dabei der einzelne Mensch in den Fokus der Bemühungen. Damit brach Mitte/Ende des 15. Jahrhundert langsam die Neuzeit herein.

[…]

Den ganzen Text lesen: Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau – zwei staatstheoretische Konzepte im Vergleich.

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Der Beitrag entstand anlässlich einer Lehrveranstaltung an der Johannes Kepler Universität Linz im Sommersemester 2018: „Einführung in die politische Ideenlehre“ unter der Leitung von Nadja Meisterhans.

Statuspflege

Auf den eisernen Mantel
unserer guten Laune
verstehen wir uns glänzend:
Der rostige Schmerz der Welt
wird eifrig wegpoliert.
Schau, ein Siegerlächeln.

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Auszug

Ihr Leberkoma dauerte nun schon einige Tage. Der Tod war abzusehen, da sie seit dem Fall in die Bewusstlosigkeit keine Nahrung mehr zu sich genommen hatte. Ihr Atem ging schwer: In rasselnden Stößen sog sie die Luft ein, die in den Tiefen ihres vom Krebs gezeichneten Körpers spurlos zu verschwinden schien; dann, nach einigen Augenblicken der Reglosigkeit, gab sie sie doch wieder frei.
Mein Vater, meine drei Geschwister, mein Schwager und ich waren seit den frühen Abendstunden im Wohnzimmer, in dem ihr Krankenbett stand, anwesend. Wir wachten und warteten; und redeten wenig. In diesen letzten Wochen, seit meine Mutter aus dem Krankenhaus nach Hause gekommen war, um in ihren vier Wänden zu sterben, war vieles geschehen, vieles gesprochen worden. Nun, da sie ihre Sprache verloren hatte, gab es auch für uns kaum mehr etwas zu sagen. Ich fühlte mich bereit, ihrem Tod zu begegnen. Neben Trauer und einer vagen Mulmigkeit empfand ich auch eine Art Neugierde auf das Kommende. Bei aller Dramatik war da doch die Fähigkeit in mir, die Geschehnisse zu akzeptieren und mich ihrem Fluss zu überantworten.
Neben Mutters Atemgeräuschen war nur das regelmäßig wiederkehrende Tönen des kleinen Kompressors zu hören, der die Zellen der Spezialmatratze abwechselnd aufpumpte, um den Druck auf den liegenden Körper möglichst gleichmäßig zu verteilen und so das gefürchtete Dekubitusgeschwür zu verhüten. Eigentlich ein inzwischen sinnloser Akt: Ihr zarter Leib würde sich nicht mehr wundliegen. Aber keiner von uns kam auf die Idee, den Motor in diesen letzten Stunden abzustellen.
Als die Nacht fortschritt, beschlossen wir, uns hinzulegen. Im flackernden Schein einer Kerze schlugen wir unsere improvisierten Lager rund um das Krankenbett auf und nickten immer wieder, zumindest minutenlang, ein. Zwischen meinen Schlafphasen lag ich da und lauschte – dem unruhigen Schnaufen meiner Mutter, dem regelmäßigen Luftstrom der Maschine. Mir kam die Szene im Garten Getsemani in den Sinn: die Unfähigkeit der Jünger, zu verstehen, wach zu bleiben, die Angst Jesu vor dem Unausweichlichen. Dann schlief ich wieder ein, bis ich mit einem Zucken erneut zurück im Raum war. Immer wieder das prüfende Horchen, ob irgendetwas an Mutters Röcheln die letzte, alles entscheidende Krisis ankündigte. Einmal, irgendwann gegen Mitternacht, holte ich alle zusammen, im Glauben, jetzt geschähe es. Doch ihre Atmung stolperte weiter, Minute um Minute. Falscher Alarm. Wir legten uns wieder hin.
Und dann graute der Novembermorgen. Ich war irgendwie erleichtert und auch erstaunt, hatte ich doch in diesen dunklen Stunden fest mit ihrem Tod gerechnet. Bei Tageslicht erschien er mir unwahrscheinlicher. Gegen halb acht ging ich Kaffee kochen. Während ich das Pulver in den Filter löffelte, rief plötzlich mein Vater vom Krankenzimmer in Richtung Küche, es sei nun so weit. Ich lief die paar Schritte hinüber – alle waren am Bett versammelt. Wir hielten uns und sie umfangen und ließen in unserem Körpernest gebannt den Tod zur Welt kommen: Ihr Atem quälte sich noch zwei, drei Mal in einer immer flacher und eigenartigerweise auch immer lauter werdenden Bewegung durch Lunge und Mund, dann riss er nach einem letzten Aushauchen ab. —
Meine Mutter war gestorben und hatte ihren Frieden gefunden. Als Abglanz lag er auf ihrem schon fernen Gesicht und erfüllte, bei aller Trauer, den Raum und mein Herz.

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Meine ständige Kolumne im Extrablatt, dem Rotkreuz-Mitarbeitermagazin des Bezirkes Perg, hier: Nr. 2 (2018), 18.
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